Meinung: Allein im Jetzt

Quelle: Suckert
Dieser Schmerz soll Leben bedeuten. Die Intensität des Gefühls bescheinigt Tiefgang, sagt man. Doch dieses scheinbar behebende Wissen, das Leiden leben bedeutet, kann mich nicht darüber hinweg täuschen, am Tiefpunkt der Pein angekommen zu sein.
Zurückversetzt in eine Zeit, als die jugendliche Leichtigkeit die Leiden eines Filmhelden im Unterbewusstsein als besonders männlich empfanden. Jetzt, heute, in Zeiten der Mündigkeit ist die Gewissheit Fakt, dass diesem Trübsal nichts Heroisches anhaftet. Der Verzicht mehr als erwünschenswert wäre.
Filmartig und einer Feder der Traumfabrik Hollywood entsprungen scheint lediglich der Grund meines Schmerzes. Eine beendete Liebe. Ein Verlassenwerden. Ein Alleinsein.
Aus der Zweisamkeit blieb nichts übrig als ein Buch voller Erinnerungen. Ein Werk voller Eindrücke und Bilder. Farbenprächtig, aber nicht mehr fassbar. Und mit dem dicken Wort Ende auf der letzten Seite.
Vier Buchstaben, die unüberbrückbar, unausweichlich und in Stein gemeißelt. Es ist endgültig.
Erinnerungen tauchen auf. Erinnerungen an die Zeit, in der mein Glück vorhanden, aber nicht existent schien, weil nicht fassbar. Erst die dunkelste Stunde lässt mich die Farbenprächtigkeit des vergangenen Glücks erkennen und aufsaugen. Ich atme Vergangenheit. Meine Lungen füllen sich mit Bildern von ihr. Von dir. Von uns. Ich habe gelebt, doch nicht genug gefühlt. Jetzt fühle ich, doch dieses Leben ist nicht mehr existent. Die Lungen sind voller Vergangenheit.
2555 Tage Gemeinsamkeit. Danach Desillusion, Angst, Rätsel, Wut, Unwissen. Was damals gewöhnlicher Alltag gewesen, manipuliert meine Gedankenwelt. Die verloren gegangene Alltäglichkeit erscheint als einziger Strohalm. Der Strohalm für ein normal empfundenes Leben. Die Objektivität ist irrelevant. Es lebe die Subjektivität.
730 Tage später wirkt das Gift der Manipulation nicht mehr. Ausgesaugt aus der mittlerweile vernarbten Wunde. Doch im tiefsten Grund meines Inneren regt sich noch dezent die Fiktion. Die Fiktion mit dem Titel: "Was wäre wenn". Verdrängung lässt das nicht existente Gemälde verschwimmen. Die Farben erst gar nicht an Intensität gewinnen.
Höher, schneller, weiter. Weg vom wohltuenden Geschmack des Vergangenen, neu entdeckt der Genuss der Gegenwart.
Allein und doch ich selbst. Diese Erkenntnis beruhigt. Ich bin was ich bin. Ein Gebilde mit Narben. Und Träumen. Ihr Bild ist eingeheftet. Nicht vergessen ist die Zeit. Nicht vergessen ist der Schmerz. Doch präsent ist das Jetzt.
Jetzt ist Leben.
suckert - 19. Feb, 00:51

